Procurement Orchestration, KI und die Zukunft des Einkaufs, Ein Interview mit Roger Blumberg

Ein Interview mit Roger David Blumberg, GM North America bei Synertrade

Der Einkauf tritt in eine neue Ära ein.

Zwischen Künstlicher Intelligenz, Störungen in den Lieferketten, Zöllen und einer Vielzahl spezialisierter Einkaufstechnologien sehen sich Unternehmen mit einem zunehmend komplexen Umfeld konfrontiert.

Um diese Entwicklungen besser zu verstehen, haben wir mit Roger Blumberg, General Manager North America bei Synertrade, über die Entwicklung des Einkaufs, den Aufstieg der Procurement Orchestration und die Zukunft der Einkaufsteams gesprochen.

Von der Kundengewinnung zum langfristigen Erfolg

Ich bin für den gesamten Lebenszyklus von Kunden und Interessenten verantwortlich – von der Akquisition über das Onboarding bis hin zum langfristigen Erfolg. Das Ziel ist nicht nur, Kunden zu gewinnen, sondern sicherzustellen, dass sie von unseren Lösungen und Dienstleistungen wirklich begeistert sind.

Als General Manager für Nordamerika verantwortet Roger den gesamten Kundenlebenszyklus – vom ersten Kontakt bis zum langfristigen Erfolg.

Seine Rolle geht über Vertrieb und Marketing hinaus. Sie umfasst auch die Sicherstellung, dass Kunden Einkaufslösungen erfolgreich implementieren und nutzen und letztlich zu starken Fürsprechern der Plattform werden.

Die Unterstützung von Kunden erfordert heute jedoch einen stark individualisierten Ansatz. Einkaufsorganisationen unterscheiden sich erheblich hinsichtlich digitaler Reife, branchenspezifischer Anforderungen, geografischer Präsenz, Lieferantenökosystemen und Risikoprofilen.

Ein globaler Hersteller mit Tausenden von Lieferanten steht beispielsweise vor ganz anderen Herausforderungen als ein schnell wachsendes Technologieunternehmen oder ein regionaler Händler.

Daher müssen Einkaufslösungen weit über standardisierte Ansätze hinausgehen und hochintegrierte, flexible Ökosysteme unterstützen, die sich an spezifische Sourcing-Prozesse, Datenlandschaften und strategische Prioritäten anpassen lassen.

Wir befinden uns nicht mehr in einer „One-Size-Fits-All“-Welt.

Procurement Orchestration: Integration eines wachsenden Procure-Tech-Ökosystems

Ein zentrales Thema in Gesprächen mit Einkaufsleitern ist die Procurement Orchestration.

In den letzten Jahren ist die Anzahl spezialisierter Einkaufstools stark gewachsen. Diese decken unter anderem folgende Bereiche ab:

  • Lieferantenrisikomanagement
  • Nachhaltigkeitsanalysen
  • Monitoring der Lieferantenvielfalt
  • KI-gestützte Vertragsanalyse
  • ESG- und Compliance-Überwachung

 

Diese Lösungen liefern einzeln wertvolle Erkenntnisse. Ihr tatsächlicher Mehrwert entsteht jedoch erst durch ihre Integration in einen übergreifenden Entscheidungsrahmen.

„Unsere Kunden erwarten von uns, dass wir als Orchestrierungsschicht fungieren, die Drittanbietertools integriert – Risikotools, Nachhaltigkeitsplattformen, Diversity-Lösungen oder KI-Plugins – und deren Daten in Sourcing-Entscheidungen nutzbar macht.“

Ohne diese Orchestrierungsschicht riskieren Unternehmen, in zahlreiche Technologien zu investieren, die nicht mit ihren zentralen Sourcing-Prozessen verbunden sind.

Das Ziel ist nicht, mehr Daten zu sammeln, sondern die richtigen Daten zum richtigen Zeitpunkt nutzbar zu machen – und sie in Entscheidungen zu verwandeln, nicht in bloße Dashboards.

Wenn Daten in Sourcing-Entscheidungen handlungsrelevant werden

Die Herausforderung besteht nicht nur darin, Daten zu sammeln, sondern sie in Echtzeit nutzbar zu machen.

Beispielsweise können Plattformen für Lieferantenrisiken wertvolle Warnungen liefern zu:

  • finanzieller Instabilität
  • geopolitischen Störungen
  • Naturkatastrophen mit Auswirkungen auf Lieferanten

Bleiben diese Informationen jedoch isoliert in separaten Tools, ist ihr Einfluss auf Einkaufsentscheidungen begrenzt.

„Risikoinformationen zu haben ist großartig – aber wenn sie nicht in Echtzeit in Ihre Sourcing-Entscheidungen integriert sind, verschenken Sie enormes Potenzial.“

Durch integrierte Procurement Orchestration können solche Erkenntnisse direkt operative Maßnahmen auslösen – etwa die automatische Identifikation alternativer Lieferanten bei Störungen.

Einkaufsteams unter Druck: der Aufstieg des Scenario Modelling

Neben der Orchestrierung steigt die Nachfrage nach fortgeschrittenen Szenarioanalysen.

Globale Handelsdynamiken, Zölle, Lieferengpässe und geopolitische Spannungen zwingen Unternehmen dazu, ihre Sourcing-Strategien häufiger als je zuvor zu überdenken.

Einkaufsteams müssen heute Fragen beantworten wie:

  • Was passiert, wenn wir unser Sourcing in eine andere Region verlagern?
  • Welche Kostenauswirkungen haben Zölle auf unsere Lieferantenbasis?
  • Wie interagieren Risiko, Nachhaltigkeit und Preis bei der Lieferantenauswahl?

„Vom Einkauf wird heute erwartet, deutlich mehr ‘What-if’-Szenarien als früher durchzuspielen – und das in Echtzeit.“

Diese Entscheidungen beinhalten zahlreiche Variablen – Risikoexposition, Zölle, Nachhaltigkeitsanforderungen, Diversitätsziele und Kostenwettbewerbsfähigkeit – und machen manuelle Analysen zunehmend unrealistisch.

Die Zukunft der Einkaufsrollen: Technologie und Strategie

Roger sieht eine grundlegende Veränderung der Rollen im Einkauf.

Traditionelle transaktionale Tätigkeiten werden zunehmend durch Automatisierung und KI übernommen, während sich Einkaufsprofis auf technologiegetriebene und strategische Aufgaben konzentrieren.

Diese Entwicklung ist bereits sichtbar:

  • Spezialisten für Einkaufstechnologien
  • ProcureTech-Architekten
  • Daten- und KI-Experten im Einkauf
  • Strategische Category Manager

 

In einigen Unternehmen bauen Einkaufsabteilungen sogar eigene interne Technologie-Teams auf, die für die Auswahl von Tools, deren Integration und die Entwicklung von KI-Agenten verantwortlich sind.

„Alles, was nicht strategisch ist, wird zunehmend von Technologie übernommen. Einkaufsteams werden entweder Technologie ermöglichen oder sich auf strategische Aufgaben konzentrieren.“

Der Einkauf wird zum Technologietreiber im Unternehmen

„Der Einkauf hat schon immer Risiken gemanagt. Was sich ändert, ist die Erwartung: nicht nur zu managen, sondern zu antizipieren – und Unsicherheit in fundierte Entscheidungen zu verwandeln.“

Diese Entwicklung verändert auch die Rolle des Einkaufs innerhalb des Unternehmens.

Historisch wurden Technologieentscheidungen hauptsächlich von der IT getroffen. Heute entwickeln sich Einkaufsteams zunehmend selbst zu Treibern von Technologie, insbesondere im Bereich ProcureTech.

Laut Roger verfügen einige große Unternehmen mittlerweile über dedizierte Procurement-Technologie-Teams, die für die Definition von Technologie-Roadmaps und die Implementierung neuer Lösungen verantwortlich sind.

Diese Entwicklung hebt den Einkauf von einer transaktionalen Funktion zu einem strategischen Innovationszentrum auf.